Wenn man das Schulgebäude betritt, spürt man sofort die besondere Atmosphäre: das Geräusch von Schritten auf dem Flur, das entfernte Lachen von Schüler*innen und die vertrauten Geräusche einer Schule, die lebt. Für viele Erwachsene ist es eine kleine Zeitreise zurück in die eigene Vergangenheit. Für Miene Waziri war es jedoch ein Ort, an dem sie nicht nur ihre berufliche Heimat fand, sondern auch die Möglichkeit, einen Unterschied im Leben anderer zu machen.
Ich besuche Miene Waziri an einem späten Nachmittag in ihrem Arbeitsplatz, dem städtischen Luisengymnasium in München. Das Gebäude wirkt durch die abendliche Ruhe noch größer. Miene begrüßt mich mit einem warmen Lächeln an der Empfangstheke. Schon in diesen ersten Minuten wird deutlich, dass sie eine Persönlichkeit ist, die Menschen durch ihre Ruhe, Freundlichkeit und Professionalität sofort anspricht.
Kindheit in Kabul: Die Anfänge eines außergewöhnlichen Lebens
Miene Waziri wurde in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans, geboren. Sie ist das jüngste von fünf Kindern, und ihre Familie legte von Anfang an großen Wert auf Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung. Beide Eltern arbeiteten als Diplomaten, was bedeutete, dass sie viel unterwegs waren und ihre Kinder früh lernten, Verantwortung und Selbstständigkeit zu übernehmen.
Ein Teil ihrer Kindheit verbrachte Miene in Indien, während sie ihrem Vater auf seinen beruflichen Reisen folgte. Diese Zeit in einem fremden Land prägte sie in vielerlei Hinsicht und half ihr, eine Anpassungsfähigkeit und Offenheit für Neues zu entwickeln. Der Großteil ihrer Jugend jedoch spielte sich in Kabul ab – einer Stadt, die damals noch von kulturellem Reichtum geprägt war, aber auch von politischen Unruhen erschüttert wurde.
Bereits in jungen Jahren wurde Miene mit einer schweren körperlichen Einschränkung konfrontiert. Sie leidet an einer seltenen Knochenkrankheit, der sogenannten „Multiplen kartilaginären Exostosen“. Diese Erkrankung verändert die Knochensubstanz und betrifft besonders die Gelenke, wodurch die Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt ist. Während andere Kinder auf Spielplätzen herumtollten, verbrachte Miene ihre Zeit häufig in Krankenhäusern oder zu Hause. Diese frühen Herausforderungen hätten viele entmutigt – nicht jedoch Miene.
Bildung trotz Widrigkeiten
Schon früh zeigte sich Mienes außergewöhnlicher Ehrgeiz. Trotz der gesundheitlichen Einschränkungen setzte sie alles daran, sich Wissen anzueignen und ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Ihre Eltern unterstützten sie dabei, indem sie ihr Zugang zu Bildung ermöglichten und sie in ihrer persönlichen Entwicklung stärkten.
Die politischen Unruhen in Afghanistan, insbesondere während der 1990er Jahre, erschwerten jedoch das Leben der Familie zusätzlich. Die Machtübernahme durch die Taliban machte das alltägliche Leben unsicher, und die Perspektiven für die Jugend waren begrenzt. Miene und ihre Familie standen vor der schwierigen Entscheidung, ihr Heimatland zu verlassen, um Sicherheit und Zukunftschancen zu suchen.
Der Neuanfang in Deutschland
Die Ankunft in Deutschland war ein Wendepunkt in Mienes Leben. Ein neues Land, eine neue Sprache und ein völlig anderes Bildungssystem – die Herausforderungen waren enorm. Doch Miene zeigte erneut ihren unerschütterlichen Willen und ihre Anpassungsfähigkeit. Sie lernte Deutsch, integrierte sich in die Gemeinschaft und setzte ihre Ausbildung fort.
Die Integration in ein fremdes Land ist nie einfach, doch Miene nutzte jede Gelegenheit, sich weiterzubilden und ihre Stärken auszubauen. Sie erkannte früh, dass ihre Fähigkeiten – Organisationstalent, Empathie, Kommunikationsstärke – genau dort gefragt waren, wo sie anderen Menschen helfen und den Alltag erleichtern konnte.
Berufliche Heimat am Luisengymnasium München
Im April 2004 fand Miene Waziri schließlich ihre berufliche Heimat im Sekretariat des Luisengymnasiums München. Seitdem ist sie eine unverzichtbare Säule der Schule. Für rund 600 Schüler*innen ist sie die erste Anlaufstelle bei Krankmeldungen, Vertretungsstunden und allen administrativen Angelegenheiten. Lehrkräfte und Eltern schätzen ihre Professionalität und ihre Fähigkeit, komplexe organisatorische Aufgaben effizient und freundlich zu bewältigen.
Ein typischer Arbeitstag im Schulsekretariat ist abwechslungsreich und oft hektisch. Telefonate, E-Mails, Anmeldungen, Abstimmungen mit Lehrkräften – die Liste der Aufgaben ist lang. Doch Miene meistert diese Herausforderungen mit Ruhe und Gelassenheit. Sie bleibt nicht nur in organisatorischer Hinsicht souverän, sondern findet auch immer Zeit für den menschlichen Aspekt: ein aufmunterndes Wort für Schülerinnen, ein offenes Ohr für Kolleginnen, ein verständnisvolles Gespräch für Eltern.
Persönliche Stärke und Empathie
Die Erfahrungen aus ihrer Kindheit und Jugend haben Miene geprägt. Die Krankheit, die Flucht aus Afghanistan und die Integration in Deutschland haben ihre Persönlichkeit geformt: geduldig, lösungsorientiert und unglaublich empathisch. Diese Eigenschaften machen sie nicht nur zu einer hervorragenden Verwaltungsfachkraft, sondern auch zu einer Vertrauensperson für viele Menschen in ihrem Umfeld.
Miene selbst beschreibt ihre Arbeit als mehr als einen Job. Für sie ist es eine Möglichkeit, anderen zu helfen, Verantwortung zu übernehmen und aktiv dazu beizutragen, dass der Schulalltag reibungslos funktioniert. Ihr Engagement geht über das reine Organisieren hinaus: Sie schafft eine Atmosphäre, in der sich Schülerinnen und Kolleginnen gleichermaßen wohlfühlen.
Ein Vorbild für viele
Miene Waziri ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie Widrigkeiten zu Stärke führen können. Ihre Lebensgeschichte zeigt, dass Entschlossenheit, Geduld und der Glaube an sich selbst Wege öffnen können, die zunächst unmöglich erscheinen. Sie inspiriert nicht nur Schülerinnen, sondern auch Kolleginnen und das weitere Umfeld.
Viele sehen in Miene ein Vorbild: eine Frau, die trotz Krankheit, Flucht und neuen kulturellen Herausforderungen ihren Platz in der Gesellschaft gefunden hat und anderen auf ihrem Weg hilft. Sie zeigt, dass es möglich ist, trotz schwieriger Umstände ein erfülltes und sinnvolles Leben zu führen.
Fazit: Mut, Stärke und Engagement
Miene Waziris Lebensweg ist eine Geschichte von Mut, Ausdauer und Inspiration. Von der Kindheit in Kabul, geprägt durch Krankheit und Unsicherheit, über die Herausforderungen der Migration, bis hin zu ihrer bedeutenden Rolle am Luisengymnasium München – sie verkörpert die Fähigkeit, Hindernisse zu überwinden und andere dabei zu unterstützen, ihren Weg zu finden.
Heute, wenn man Miene am Empfang des Luisengymnasiums sieht, erkennt man nicht nur eine kompetente Verwaltungsfachkraft, sondern eine Frau, deren Lebensgeschichte Hoffnung, Mut und Lebensfreude vermittelt. Sie ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie persönliche Stärke und Empathie die Welt um uns herum positiv verändern können.
Miene Waziri zeigt: Egal, wie herausfordernd die Umstände sein mögen, mit Entschlossenheit, Geduld und einem offenen Herzen lassen sich Wege schaffen, die nicht nur das eigene Leben, sondern auch das Leben anderer bereichern.